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Antiquariat Neue Kritik

Ein deutscher Herbst

Ein deutscher Herbst

Zustände 1977

 

Mit Beiträgen von Tatjana Botzat, Elisabeth Kiderlen, Frank Wolff und Wolfgang Kraushaar

184 Seiten
1,7 x 2,4 cm
Mit zahlreichen Abb.
broschiert
ISBN 978-3-8015-0315-4
15,00 EUR

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Pressestimmen
 

Zwanzig Jahre nach dem »Deutschen Herbst« scheint es angebracht, mithilfe von Zeugnissen und Zeitdokumenten die realen Zustände des Herbstes 1977 in Erinnerung zu rufen. Der Band dokumentiert sechs hysterische Wochen einer hysterischen Republik, die vom Fehlen nahezu jeglicher rationalen Überlegungen gekennzeichnet waren und in der die Frage, ob der BRD-Staat wirklich in Gefahr war, bereits als Feindpropaganda galt.

 

Das authentische als Buch-Illustrierte vorgelegte Material wird durch zwei analytische Beiträge von Wolfgang Kraushaar ergänzt, die sich mit der blutigen Logik des Kampfes zwischen RAF und Staat und dem nicht erklärten Ausnahmezustand der BRD während der Schleyer-Entführung befassen.

Pressestimmen

Das Buch dokumentiert Texte, Bilder und Presseberichte aus den Wochen der Schleyer-Entführung. Es macht deutsche Zustände 1977 fassbar jenseits der Guido-Knoppschen Zeitzeugen-Wohligkeit. Da ist etwa die Kleinanzeige der »Fenster u. Büroreinigung Helmut Lange« aus dem Berliner Abend: »Bei uns arbeiten keine Sympathisanten«. Da ist der Bild-Psychotest für besorgte Eltern: »Testen sie selbst: Könnte aus ihrem Kind ein Terrorist werden?« Für »beherrschende Mutterfigur« gibt es fünfzehn Punkte und immerhin noch drei Punkte kommen aufs Konto, wenn der oder die Heranwachsende eine Lektüre bevorzugt, »die Weltschmerz oder -verneinung artikuliert (Kafka, Hesse).«

Reichlich wie das Laub, das zeigt »Deutschland im Herbst«, waren damals die steilen Thesen: Man erklärte sich die RAF einfach zum insgeheimen Bündnispartner des politischen Gegners - je nach eigener politischer Neigung. Da schiebt in einer Karikatur der konservativen WAZ Hitler einen Kinderwagen mit der Aufschrift »RAF«, aus dem langhaarigen Brillenträger mit Kalaschnikows hüpfen. Und der »Verband des linken Buchhandels« erklärt, dass die Schleyer-Entführung »moderne Leistungskriterien sehr genau« erfüllt habe und damit vom Fernsehpublikum »sportlich-technische Anerkennung« geerntet habe: »Sympathisch ist am Terror auch, dass er von allen möglichen Problemen, Enttäuschungen, Mühe und Langeweile« ablenke.

Christoph Twickel, taz

 

Es war doch eine gute Idee des Verlags, das zwanzig Jahre alte Material und nicht etwa irgendeine aktualisierte Fassung vorzulegen. Besser als in diesen Traumtexten hätten sich die Angst- und Ohnmachtserfahrungen von großen Teilen der Linken im Deutschen Herbst gar nicht darstellen lassen; und hier wird auch deutlich, woher diese nach Absterben und Vergänglichkeit riechende Jahreszeit-Metapher kommt, die sich inzwischen zur Kennzeichnung der Ereignisse von 1977 durchgesetzt hat. In solch quälende Ohnmacht gebannt, war dann zwar noch Staatskritik möglich, in routinierter Anwendung eines Handwerks, das man '68 erlernt hatte, nicht aber eine Auseinandersetzung mit der RAF. Bis auf einen bedenkenswerten Ansatz bei Kraushaar findet sich nichts dazu in diesem Band. Obwohl die Autoren aus der Bewegung kommen, die - auf dem Westberliner Vietnamkongreß 1968 - den Weg »vom Protest zum Widerstand« proklamiert hatte, spalten sie den »bewaffneten Kampf« von der eigenen Geschichte ab, rücken ihn in die gleiche Distanz zu sich wie den verhaßten autoritären Staat. Und da ist er dann geblieben. Wer nach Erklärungen dafür sucht, warum es auch in der Folgezeit nie eine wirkliche Auseinandersetzung der legalen Linken mit den bewaffneten Gruppen gegeben hat, kann hier einige Antworten finden.

Detlef Schneider, junge Welt

 

Der Band »Ein deutscher Herbst - Zustände 1977« schafft ein facettenreiches Bild der 44 Tage. Deutlich wird: was heute nur noch schwer nachzuvollziehen ist, beeinflußte das politische Klima nachhaltig. Anschaulich schildern die ausgewählten Quellen die Auswirkungen der Ereignisse auf den Alltag der Republik, dokumentieren sie die Reaktionen der Regierenden: Nachrichten- und Kontaktsperre, Isolationshaft und Lauschangriffe. Hier ist kein einfaches schwarz-weiß-Bild der Ereignisse entstanden, sondern eine Materialsammlung, die vom Leser ein eigenes Urteil fordert.

Anette Schneider, NDR-Hamburg-Welle

 

»...Auswahl und Behandlung des Materials sind daraufhin angelegt, Erschütterung, Unbehagen, Verwirrung zu erhalten und doch durchsichtig zu machen. Andere Erfahrungen und Zusammenhänge oder Auseinanderhänge passen ins Bild, weil es keine geschlossene Weltanschauung, sondern ein unvollständiges Puzzle ist: zum intensiven Weiterdenken, -hören und -sehen.«

Aus »linker« Perspektive werden in dem Buch »Zustände, Dokumente, Berichte, Kommentare« (so der Untertitel) und Analysen entfaltet, wobei das Material insbesondere den verschiedenen Medien entnommen wurde. Das geschah planvoll, denn den Verfassern scheint Terror »als ein Phantom und wesentlich als ein Geschöpf der Medien, surreal und eigenmächtig. Die Akteure auf allen Seiten sind, trotz oder wegen ihrer manifesten Interessen und Strategien, Gefangene der Medien, ebenso die Nicht-Akteure, das Massenpublikum.« So gewiß hier die zentrale Funktion der Medien erkannt worden ist - hier scheint mir denn doch eine Überschätzung vorzuliegen, da die mediale Informationsverbreitung eben immer noch einen informationsrelevanten Sachverhalt voraussetzt, nämlich die terroristische Aktion selbst.

Aber wie auch immer - die im einzelnen gescheiten Analysen und Kommentare beanspruchen auch im Kontext der medialen Fundstücke und sonstigen Materialien nicht, eine erschöpfende Erklärung für den Zustand der Republik, der zu ihrem Herbst werden könnte, gefunden zu haben. Das macht sie nicht nur sympathisch, sondern deutet auch auf die Ehrlichkeit der Autoren hin, auf ihre Betroffenheit, die freilich Raum für auch entschiedenen Widerspruch läßt. So gesehen, ist das Buch eine reizvolle Aufforderung zur Diskussion - und die sollte angenommen werden.

Hanno Beth

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